R E V O L U T I O N Ä R E
Argumentation | Alternative | Militanz
„Bedenket, das wir keine neuen Herren wollen sondern keine“
B. Brecht
Revolutionäre Alternative: was heißt das?
Der Begriff der Revolutionären Alternative kommt aus der Überzeugung, dass ein jeder revolutionärer Kampf auf drei verschiedenen Ebenen stattzufinden hat.
Die erste Ebene ist jene der Argumentation. Es ist in unserem Verständnis wichtig sich über soziale1 Konfliktfelder auszutauschen und über die individuellen und kollektiven Normenvorstellungen, Zielsetzungen, etc… undogmatisch und selbstkritisch2 zu diskutieren. Dies allein sollte nicht revolutionär sein, auch wenn es, auf Grund der herrschenden kollektiven Ignoranz derzeit leider oft schon als revolutionär fehlinterpretiert wird. Revolutionär wird eine Diskussion im Gegenteil erst dann, wenn bestimmte herrschende Normensysteme3 praktisch infrage gestellt werden. Diese praktische Infragestellung fängt bei dem Brechen geltender Konventionen an und findet, unserer Auffassung nach, in einer revolutionären Alternative ihren Höhepunkt, wenngleich auch nicht ihren Abschluss, und führt zu einer radikalen Umgestaltung des sozialen Lebens und damit des Lebens im allgemeinen.
Die Argumentation, und damit der pluralistische Diskurs mit allen Teilen der Gesellschaft, muss die Grundlage einer jeden Bewegung sein, die sich nicht auf bloße Gewalt verlassen will4.
Unser Ziel nun ist, auf lange Zeit gesehen, eine emanzipierte Gesellschaft, in der alle Lebewesen gerecht und selbstverwaltet, fremdherrschaftsfrei leben können. Da dies mit nahezu allen bestehenden Normensystem kollidiert und in der Forderung nach dieser neuen Gesellschaft die Forderung einer neuen Art des Zusammenlebens impliziert ist, ist diese Forderung revolutionär. Eine neue Art des Zusammenlebens kann jedoch nur durch ein anderes Bewusstsein des Menschen an sich und seiner Selbstwahrnehmung, bzw. seiner Selbstdefinition erfolgen. Um dies zu erreichen ist der Diskurs zwar zwingend notwendig, aber nicht ausreichend.
Von einem Leben jenseits des Kapitalismus und seiner Verwertungslogik zu sprechen bleibt selbstverherrlichendes Geschwafel, wenn nicht gleichzeitig eine wirkliche ALTERNATIVE zu dem bisherigen System aufgebaut wird. Es ist leicht antikapitalistisch zu reden, doch wir bleiben, solange wir keine Alternative aufbauen, selbst immer Akteure im Kapitalismus. Dies macht nicht notwendigerweise jede Kapitalismuskritik zunichte, zeigt aber die Notwendigkeit auf, selbst für ein neues Leben zu sorgen.
Derlei Betrachtungen führen uns schon, obgleich der Worte viele noch über die Kommunikation und Argumentation und der damit einhergehenden neuen Art des Zusammenlebens verloren werden könnten, und an anderer Stelle auch noch gesagt werden müssen, zu dem zweiten Aspekt, welcher zugleich den wichtigsten Teil revolutionärer Arbeit ausmacht und, was maßgeblich zur Namensgebung geführt hat, von uns auch als Hauptteil unserer Arbeit verstanden wird, dem Aspekt, der Ebene, der Aufgabe der Schaffung einer konkreten revolutionären Alternative!
Wenn wir uns erinnern, so lautet die Leitfrage: Was heißt revolutionäre Alternative? Eine revolutionäre Alternative heißt nichts anderes als ein emanzipiertes Normensystem praktisch zu etablieren, d.h. zur Realität werden lassen, das jenseits des bestehenden, ja sich, wenn es eine revolutionäre Alternative sein soll, gegenläufig zum Bestehenden verhaltend, existiert.
Ansätze für derlei Alternativen gibt es in der Tat schon einige, die sich, je nach dem Thema auf das der Fokus der Betroffenen gerichtet, in verschiedene Erscheinungsformen kleiden5. Die gewaltige Aufgabe die sich uns nun stellt ist die, eine Alternative zu schaffen, die nicht nur für sich existent ist, sondern auch in Wechselbeziehung zu der „sonstigen“, d.h. in unserem Falle, kapitalistischen Gesellschaft steht. Diese Wechselbeziehung soll bestenfalls so aussehen, dass man nicht mehr gezwungen ist sich in die Zwänge des Bestehenden zu begeben. Sie besteht vielmehr in der Kommunikation und gegenseitigen Kritik, im regen Austausch von Meinungen und Vorstellungen was, im besten Falle, zum Wachsen der Alternative führt. Ein gutes Beispiel ist hierfür die Comune del sur6 die in Uruguay nicht nur im Austausch mit der Bevölkerung stand und auch einen großen Rückhalt in ihr hatte, sondern zugleich eine der größten Druckereien des Landes organisierte und zum Wallfahrtsort für Anarchisten in aller Welt avancierte.
Wenn die Forderung jedoch ist, sich nicht mehr in (alte oder neue) Zwänge zu begeben, so muss eine Gesellschaft geschaffen werden, die alle Lebensbereiche abdeckt. Die Schaffung dieser Gesellschaft jedoch kollidiert, ihrem Charakter nach, mit bestimmten Interessengruppen der bestehenden Ordnung, nämlich mit all denen, die von dieser alten, hierarchischen und auf Ausbeutung und Unterdrückung gebauten Ordnung profitieren und deshalb ein natürliches Interesse daran haben die Schaffung einer neuen emanzipierten Gesellschaft zu stören.7
Die Schaffung einer, bzw. vieler Alternativen8 zur Errichtung eines selbstverwalteten und emanzipierten Lebens aller Hindernisse zum Trotz ist eine gewaltige Aufgabe, die ohne revolutionäre Militanz nicht erreicht werden kann.
Was soll nun revolutionäre Militanz sein? Nun hierbei ist eine (Neu-) Definition von Militanz vonnöten, denn auch wenn in unserer Gruppierung nicht nur Pazifist_innen sind9, so verstehen wir den Begriff der Militanz nicht im Tragen von Uniformen und Gewehren, lehnen ersteres zumindest kategorisch ab, sondern im aktiven Brechen geltender Konventionen und vor allem im Brechen bestehender Gesetze. Selbstverständlich ist die Militanz nur eine Reaktion auf bestehende Zustände und wird mit Fortschreiten der Alternativen überflüssig, dennoch muss, gerade wenn man Max Webers Definition von Staat im Kopf hat10, in dem der Staat als jene Gewalt definiert wird, die das Monopol auf physische Gewalt für sich beansprucht und „legitimiert“11, ein Diskurs darüber geführt werden, wie weit die Militanz geht. Dies bleibt jedoch die Entscheidung eines jeden einzelnen Menschen, der bei uns partizipiert. Klar ist jedoch, dass (para-) militärische Organisationen12 sich zu uns als Menschen wie zu unseren revolutionären Bemühungen gegenläufig verhalten. Sowohl in ihrem Ziel13 als auch in ihrer hierarchischen Struktur werden sie von uns abgelehnt und eine Zusammenarbeit mit derlei Strukturen oder Zusammenschlüssen von Menschen, die diese Zielvorstellung teilen, kann niemals stattfinden.
Wenn aber Militanz nichts ist als das Brechen, d.h. das Zuwiderhandeln, geltender Normensysteme ist, so muss jede revolutionäre Arbeit militant sein. Revolutionär ist die Militanz, unserer Auffassung nach, dann, wenn sie auf das Ziel (einer neuen Gesellschaft) ausgerichtet ist.
Es sollte bei den obigen Ausführungen klar geworden sein, dass eine strikte Trennung der Ebenen selbstverständlich nicht möglich ist. Dies liegt bereits im Charakter einer (revolutionären) Bewegung selbst, da diese ein Prozess ist, der sich zu sich selbst verhält14. Keine der Ebenen kann für sich betrachtet werden, wie keine Handlung oder kein Wort ohne Kontext verstanden werden kann. Dies würde nur zu Dogmatismus, einer Idee welche zu überwinden wir anstreben, führen. Der revolutionäre Prozess, an dessen Ende die emanzipierte Gesellschaft steht und der sich auf die obigen Elemente stützt, muss also gleichsam ein praktischer wie ein theoretischer Prozess sein, er schließt auch die Forderung nach der Abschaffung des Eigentums ein, dies ist jedoch nicht sein Ziel, sondern lediglich eine Etappe, das Ziel ist der Prozess selbst und das mit ihm einhergehende sich ändernde Bewusstsein mit all seinen Begleiterscheinungen, wie dem emanzipierten Umgang mit Lebewesen.
1) Soziale Themen sind diesem Kontext all jene Themen welche mindestens zwei Individuen betreffen, die ihr Leben gemeinschaftlich zu organisieren suchen.
2) Gemäß dem von Proper formulierten Falsifikationsprinzip, das, konsequent zu Ende gedacht, die Auflösung des Pluralismus nicht im Dogmatismus oder der Tyrannei sondern im Konsens findet.
3) Jedes Wirtschafts-, Herrschafts-, und Gesellschaftssystem kann als ein solches gedacht werden, so gesehen ist auch Kapitalismus und Nationalismus nichts anderes als ein Gesellschaftliches Konstrukt, ein Normensystem das erst in der praktischen Anwendung und im praktischen Zusammenspiel verschiedener Akteure zur Realität wird.
4) Unter der Annahme dass die Welt nicht stetig ist sondern stets im chaotischen Fluss steht muss selbst eine konservative Bewegung einen solchen Diskurs führen.
7) Obgleich es leichter wäre Kritik an einzelnen Akteuren des bisherig etablierten Normensystems zu suchen, lehnen wir derlei Kritik, so die Kritik dort stehen bleibt ab. Das heißt nicht, das wir diese Akteure nicht kritisieren, eine Kritik jedoch, die bei der personellen Kritik stehen bleibt, stellt für uns eine verkürzte Kritik dar, da nicht berücksichtigt wird, dass nicht der Akteur sondern das Verhältnis in dem sich die Akteure zueinander und zu dritten verhalten, Hauptbestandteil der Kritik ist. Selbstverständlich sind wir uns bewusst, dass das Verhältnis durch das handeln der Akteure konstituiert wird. Allein eine Kritik die sich gegen bestimmte Akteure richtet und das Gesamtverhältnis bzw. die konstituierenden Faktoren die zum Verhältnis führen, außer Acht lässt wird von uns nicht geteilt.
8) Schließlich geht es nicht darum ein zentrales Verwaltungsorgan zu schaffen sondern darum, den Menschen zu ermöglichen ,dass sie ihr Leben selbstverwaltet und auf Basis freier Vereinbarungen selbstbestimmt führen können. Dafür ist eine dezentrale Organisationen unabdingbar.
9) Obwohl die emanzipierte Gesellschaft, die wir anstreben selbstverständlich gewaltfrei (in jederlei Bedeutung dieses Wortes), herrschaftsfrei, ja sogar friedlich (in der konsequenten Bedeutung, d.h. nicht allein in der Abwesenheit von Krieg sondern von Gewalt im allgemeinen (d.h. auch in der Abwesenheit von Hunger, Zwang, Geld etc…). Dieses Thema ist jedoch so allumfassend dass es nicht in dieser kurzen Selbstdarstellung behandelt werden kann)
10) „Staat ist diejenige menschliche Gemeinschaft, welche innerhalb eines bestimmten Gebiets das Monopol legitimer physischer Gewaltsamkeit für sich (mit Erfolg) beansprucht. Denn das der Gegenwart Spezifische ist, dass man allen anderen Verbänden oder Einzelpersonendas Recht zur physischen Gewaltsamkeit nur soweit zuschreibt, als der Staat sie von ihrer Seite zulässt: er gilt als alleinige Quelle des ‚Rechts‘ auf Gewaltsamkeit.“ Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft, 5. Aufl., hrsg. v. J. Winckelmann, Tübingen 1985, S. 822.
11) Selbstverständlich stellen wir die Legitimität dieses Gewaltmonopols, wie auch den Staat an sich, da er, besonders nach Webers Definition auf Unterdrückung heraus läuft, obgleich er nüchtern betrachtet nicht mehr ist als das Handeln aller Akteure in ihm, in frage und negieren es.
14) An Anlehnung an Kierkegaard: gemeint ist das sich der Prozess der Revolution, im Sinne einer revolutionären Bewegung, sich, ähnlich einem nicht-linearen dynamischen System in der Physik selbst beeinflusst. Jeder Zustand der Gesellschaft hat Auswirkungen auf den Prozess selbst, sowie der Prozess Auswirkungen auf die Gesellschaft hat, beide befinden sich im ewigen Fluss und beeinflussen einander. Weiter heißt es dass sich die einzelnen Teile des Prozesses gegenseitig beeinflussen. Wie eine emanzipierte Ökonomie nicht ohne ein ablösen von Kapitalistischen Idealen und die Schaffung eines neuen Bewusstseins funktionieren kann, kann das schaffen dieses Bewusstseins nicht im Kapitalismus funktionieren. Beide sind aber zeitliche Prozesse die gleichzeitig ablaufen und sich gegenseitig beeinflussen. Beides sind aber auch Teile des revolutionären Prozesses, somit beeinflusst er sich selbst, verhält sich zu sich selbst, er ist gewissermaßen ein Prozess der in verschiedenen Verhältnissen (im Verhältnis von der alternative zum alten, im Verhältnis der verschiedenen Ebenen zueinander, im Verhältnis der Menschen zueinander usw.) besteht, der Prozess ist jedoch mehr als nur das nebeneinander bestehen dieser Verhältnisse, der Prozess ist das, dass sich die Verhältnisse zu sich selbst verhalten, d.h. Selbst beeinflussen. Der revolutionäre Prozess kann nicht als gerade Linie gedacht werden, nicht als Akt in dem mal was passiert und dann ist alles anders, nein Revolution, d.h. der revolutionäre Prozess ist ein langer Fluss in dem der Mensch anders wird.
Hierbei ist auf Rudi Dutschke zu verweisen der dies schon vor langer Zeit erkannte und sehr prägnant und schön formulierte. (http://www.youtube.com/watch?v=4OoPH2si6nk&feature=related)

Anarchistisches Netzwerk Südwest